Eduard Mörike, Lebensziele, Lebenswünsche

4. Juni 2009 at 15:25 6 Kommentare


Heute ist der Todestag von Eduard Mörike. Gut, das betrifft einen nicht so unmittelbar.  Mich erinnert es aber an eines seiner Gebets- Gedichte, die mich in meiner Kindheit und Jugend begleiteten. Als kalligraphisches schön gerahmtes Bild hing es im Wohnzimmer meiner Oma. Wir hatten unsere Wohnung oben bei ihr im Haus, und der Weg zum Fahrradschuppen führte durch ihr Wohnzimmer, ein typisches Durchgangszimmer der 50er Jahre, als große Flure nur unnütz Platz wegnahmen. Und da fiel mein Blick täglich mindestens zwei Mal auf das Bild. Hier ist ein Foto davon:


Lebensziel,Lebenswünsche

Lebensziel,Lebenswünsche

Für die, die das nicht lesen können, hier noch einmal:

Herr! schicke, was du willt,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß beides
Aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Herr, schicke, was Du willt – ich dachte, da hätte sich jemand verschrieben. Später lebte ich viele Jahre lang ganz in der Nähe des „Mörikedorfes“ Cleversulzbach, und Freunde von dort erzählten mir, das Mörike es so formulierte. Und in seiner Zeit war das Thema Selbstverwirklichung nun wirklich keines.

Wie auch immer, in der Pubertät und noch etliche Jahre später rebellierte ich innerlich  gegen dieses „holde Bescheiden“. Es trug ja nicht gerade dazu bei, kühne Träume zu entwickeln. Und die hatte ich. Etliche davon konnte ich verwirklichen: Studieren, mit dem Rucksack mit wenig Geld in ferne Länder, in Kalifornien studieren, eine eigene Praxis eröffnen, Bücher schreiben. Alles nicht das, was einem katholischen Mädchen aus einem Dorf im Emsland so als Lebensentwurf mitgegeben wird. Mitgegeben wurden mir aber Eltern, die es mir möglich machten, über den Tellerrand zu gucken.

Und ich ermutige auch heute noch Menschen, ihre Träume nicht einfach aufzugeben, nicht zu resignieren.

Aber ich habe auch erlebt, dass es Grenzen gibt, bittere gesundheitliche Grenzen zum Beispiel, gegen die kein Rebellieren nützt. Da kann man dann resignieren oder eben neue Ziele suchen. Statt sich auf das zu konzentrieren, was nicht mehr geht, lieber auf das besinnen, was an Talenten da ist, an Fähigkeiten und Sehnsüchten, die vielleicht schlummerten.

Erkennen, dass auch die Dinge, die Leiden mit sich bringen, einen Sinn haben können, ob man nun mit Mörike an einen Gott glaubt, der dies schickt oder an einen tieferen Sinn, den man selbst sucht –  das trägt zur Gelassenheit bei. Die hatte meine Oma, die hatte mein verstorbener Vater, der sehr lange sehr krank war und sich über jeden Tag freute. „Nie aufgeben“ war sein Motto.

Träume spinnen, an der Verwirklichung arbeiten, nicht aufgeben, wenn es nicht gleich gelingt, nicht verzagen, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse schwierig sind,  neue Wege suchen … da kann es dann doch zur inneren Mitte führen, wenn man seine Ziele neu definiert, sich nicht überfordert mit unrealistischenPerspektiven und sich vielleicht auch bescheidet mit dem, was JETZT  möglich ist.

Wie ist das bei Ihnen mit früheren Träumen und dem „holden Bescheiden“?

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Entry filed under: Berufung, Bescheidenheit, Coaching, Gelassenheit, Lebenssinn, Neudefinition, neue Wege, Ziele.

Wenn Coaches so „kundenfreundlich“ wären wie die Post … Die Schafskälte hat auch ihr Gutes …

6 Kommentare Add your own

  • 1. Angelika Heinrich  |  1. Juli 2009 um 13:02

    Liebe Frau Dr. Mardorf,

    dieses tiefe, innige, wahrhaft demütige Gebet und weiser Selbsthilfe-Rat von Mörike begleitet mich auch schon seit über 30 Jahren. Er hat mir durch manche Krise geholfen, und ich habe ihn auch schon an viele meiner Klienten „verschenkt“. Deshalb freue ich mich auch besonders, dass Sie ihn hier Ihren Lesern, zusammen mit Ihrer wundervollen, herzintelligenten Interpretation, zum Geschenk machen. Überhaupt macht mir Ihr Blog viel Freude, und ich möchte Sie deshalb auch gerne über meine Blogroll meinen Lesern weiterempfehlen.

    Herzliche Grüße

    Angelika Heinrich

    Antwort
    • 2. Dr. Mardorf Elisabeth  |  2. Juli 2009 um 00:14

      Liebe Frau Heinrich,
      Vielen Dank für Ihren schönen Kommentar! Und Danke für die Empfehlung! Übrigens habe ich mal genau bei Ihnen um die Ecke in Tübingen in der Hafengasse gewohnt, begleitet von Mörikes Gebet … so schließen sich die Kreise!

      Antwort
      • 3. Angelika Heinrich  |  2. Juli 2009 um 09:43

        Liebe Frau Dr. Marsdorf,

        das freut mich aber! Da müssen ja dann nach dem Energierhaltungsgesetz besonders gute vibrations in der Luft liegen :-).

        Vielleicht kennen Sie ja dann sogar das Geschäftshaus, in dem ich meine Praxisräume angemietet habe? Früher war dort sehr lange die bekannte medizinische Buchhandlung Pietzcker drin. Und der in Tübingen alteingesessenen Unternehmerfamilie Pietzcker gehört auch das ganze Haus, wo ich im ersten Stock meine Praxis habe.

        Kommt Ihnen da ein Bild in den Kopf?

        Herzliche Grüße
        Angelika Heinrich

      • 4. Dr. Mardorf Elisabeth  |  2. Juli 2009 um 11:08

        Liebe Frau Heinrich, klar kenne ich das Haus! So schicke ich jetzt meine sonnigen Sommergrüße gezielt dorthin 😉

  • 5. Stefan Fourier  |  18. Juni 2009 um 10:30

    Danke für den Hinweis auf diesen Spruch. Ich freue mich gerade über ihn, weil auch er mich schmunzelnd feststellen lässt:

    Man muss nicht Buddhist sein, um die Weisheit der Mitte zu leben. (Oder es zumindest zu versuchen)

    Viele Grüße
    Stefan Fourier

    Antwort
    • 6. Dr. Mardorf Elisabeth  |  2. Juli 2009 um 00:07

      Lieber Herr Fourier,
      als ehemaliges Kind des „New Age“ der siebziger Jahre freue ich mich auch immer wieder, wenn ich in heimatlichen Gefilden tiefe Weisheit wiederfinde …

      Antwort

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