Namen sprechen Bände

27. Juni 2013 at 14:47 Hinterlasse einen Kommentar

In meinem Eintrag vom 4. Juni (Kevinismus und Chantallismus) kündigte ich an, ich würde noch einen Artikel über Namen bringen. Hier ist er. Er wurde vor einigen Jahren in einer Zeitschrift veröffentlicht.

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Jeder Mensch hat einen Namen, und wenn er Glück hat, gefällt ihm dieser Name, den er sich nicht aussuchen konnte. Der Name verbindet uns mit der Familie und der Zeit, in der wir leben.

Heißen Sie Romy? Oder Adolf? Oder Jacqueline? Wissen Sie, warum Ihre Eltern Sie so nannten? Romys Mutter schwärmte in den fünfziger Jahren von einem Filmstar, Adolfs Eltern waren etliche Jahre früher Anhänger von Hitler, und Jacquelines Mutter träumte in den sechziger Jahren vom Glanz besserer amerikanischer Kreise.

Vielleicht kennen Sie einen Waldemar Klausmüller junior. Waldemar ist jetzt 25, und er leidet sehr darunter, daß sein Vater aus Firmengründen auf diesem Namen bestand. Er soll einmal die Firma übernehmen, und so ist mit seinem Namen der Auftrag verbunden, die Familientradition aufrecht zu erhalten. Damit ist seine Freiheit, sich einen anderen Beruf zu wählen, eingeschränkt, und die Erwartungen an ihn („mach unserem Name keine Schande!“) überschatteten die ganze Jugendzeit.

Oder kennen Sie eine Mirjam?  Mirjams Eltern folgten einem Trend der siebziger Jahre, der besonders in grünen Akademikerkreisen verbreitet war. Im Freundeskreis von Mirjam finden sich vermutlich einige Annas, Katharinas, mehrere Johannes, vielleicht noch einige Jonas und einige Florians.

Und was glauben Sie, wie alt Friedrich Wilhelm ist? Wann ungefähr wurde wohl Antonia Josefine geboren?

So sehr Eltern auch versuchen, ihrem Kind mit dem Namen Einzigartigkeit zu geben – Namen sind eingebettet in Traditionen und auch wechselnde Moden, in die Lebensweise und Träume der Eltern, ja sogar in Landschaften. Würde ein Xaver in den Taunus passen? Ein Name kennzeichnet einen Menschen, aber er verbindet immer auch das Individuelle mit dem umgebenden Gefüge.

Im religiösen Kontext ist die Namensgebung mit dem Ritual der Taufe verbunden, in dem der junge „Erdenbürger“ in der Gemeinde und Familie willkommen geheißen wird. Für andere wichtige kirchliche Rituale wurde ein weltlicher Ersatz gefunden: für die Hochzeit die standesamtliche Trauung, für die Beerdigung die Trauerfeier im Bestattungsinstitut. Aber für die Taufe, in der das Kind eine unverwechselbare  Identität und die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde gleichzeitig bekommt, gibt es keinen Ersatz. Die Anmeldung beim Standesamt ist lediglich ein Verwaltungsakt, kein Ritual.

Namensänderungen wiederum zeigen den Wechsel der Identität und Zugehörigkeit an: sei es bei der Heirat, sei es bei Eintritt in einen Orden, sei es bei einer psychischen Entwicklung, die durch einen Namenswechsel kundgetan wird. Meine alte Freundin Ingrid ist Buddhistin geworden und trägt jetzt einen unaussprechlichen Namen, den ich immer vergesse. Für meine Freundin Renate wiederum mußte ich selbst einen anderen Namen finden, weil sie den gleichen Namen trägt wie eine Frau, die mir lange das Leben zur Hölle machte. Seitdem kann ich diesen Namen nicht ausstehen. Gottseidank findet meine Freundin ihren Kosenamen „Nini“ schön.

Spitznamen oder Kosenamen werden aber oft ungefragt dem Betreffenden von außen aufgedrängt und können zum „eigentlichen“ Namen werden, mit dem der Betreffende dann gar nicht einverstanden ist. Sie bleiben einem oft lebenslang (lebenslänglich?) erhalten. Meine Schulfreunde heißen heute noch „Niete“, “Pippi“ und „Eber“.  Und heute erinnerte mich ein alter Schulfreund in seiner Mail an meinen früheren Spitznamen, den ich schon vergessen hatte. Nein, den verrate ich jetzt nicht!

Dass Sie sich in Ihrem Namen Zuhause fühlen, das wünscht Ihnen Ihre

Elisabeth Maria Mardorf, benannt nach den beiden Großmüttern, heute auch genannt Lisa, Lila, Lisabeth,Lieschen

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