Archive for 15. Oktober 2013

Das Nachkriegskinder-Gen

Ich bin 1950 geboren, das kommt Ihnen vielleicht nicht mehr so als Nachkriegszeit vor. War es aber. Alles war knapp, Wohnraum, Nahrung, Kleidung.  Ja, auch Gefühle waren in manchen Familien knapp, weil die Eltern schlicht mit Überleben beschäftigt waren.  Meine Geschwister und ich haben uns aber nie arm gefühlt, denn Liebe gab es bei uns reichlich, und wir haben nie hungern müssen. Gemüse wurde im Garten angebaut, Hühner wurden auf einer gepachteten Wiese aufgezogen, und sie gaben Eier und Fleisch. Wir sind aber aufgewachsen mit der Haltung, nichts zu verschwenden, denn hinter Allem steckte harte Arbeit. „Das kann man doch noch gebrauchen“, „Das lässt man nicht verkommen“ waren vertraute Sätze damals. Unsere Mutter ribbelte die Wolle von alten Pullovern auf ein Brettchen (weiß heute noch jemand, was „Wolle aufribbeln“ heißt?), feuchtete sie an und glättete sie so. Daraus wurden dann neue Pullover oder Kinderkleider gestrickt, verlängert mit anderer Wolle, so dass es Schachbrett- Muster oder Ringel gab.

Strickkleid

Ein alter Mantel wurde zum Schneider gebracht und gewendet, mit einem neuen Kragen und Ärmelstulpen versehen, und schon war er „wie neu“. Aus Erwachsenen-Kleidern wurden Röcke für die Kinder genäht, Kleidung oder neue Stoffe zu kaufen war viel zu teuer. Schneiderinnen und Schneider waren viel preiswerter – heute wäre diese viele Näharbeit nach Maß gar nicht zu bezahlen. Alles wurde irgendwie verwertet. Wenn Omas Hausschwein geschlachtet wurde, gab es Wurstebrot, in der Pfanne in Scheiben gebraten. Dass der Hauptbestandteil Blut war, war uns als Kindern nicht bewusst. Seit ich das weiß, kann ich Wurstebrot nicht mehr essen, obwohl ich es als sehr köstlich in Erinnerung habe. Verwertet wurde auch alles, was der Garten hergab.  Gemüse wurde in Gläsern eingemacht, aus allem Obst wurde Marmelade gekocht, oder es wurden Säfte gemacht. Fallobst wurde zu Apfelmus verarbeitet. Bei jedem Essen wurden teure Zutaten verlängert. Hackbraten mit Paniermehl und eingebackenen Eiern z.B. Auch Rühreier mit Mehl und Milch waren normal. Nix Sahne und in Butter gestockt! Von meiner Schwiegermutter kenne ich den Spruch „dann nehmen wir ein Ei und machen den Kindern ein paar Eier“.

In den sechziger Jahren las ich von Johannes Mario Simmel „Es muss nicht immer Kaviar sein“, und neben der spannenden Geschichte beeindruckte mich, wie der Held in jeder Lebenssituation aus Resten ein köstliches Essen zauberte. Das Tollste: Die Rezepte standen dabei. Wurstnester mit Rührei wurden ein Klassiker meiner Studentenzeit mit Bafög und einem Konto, das man nicht überziehen konnte.

Ich habe dieses Nachkriegskinder-Gen bis heute. Viele Jahre machte ich mit Begeisterung Patchwork, jeder noch so kleine Flicken wurde verarbeitet (mittlerweile machen die Augen und Handgelenke das nicht mehr so mit). Und heute bekam ich einen akuten Anfall von „Das kann man doch nicht vergammeln lassen“. Durch Wind und Regen waren viele Äpfel von den Bäumen gefallen. Mit Druckstellen und Dellen, zum Lagern nicht geeignet. Und was macht Frau Mardorf, die „Rücken“ hat und „Knie“? Holt ihre geniale Greifhilfe und  sammelt einen Eimer Äpfel auf. Schält einen halben Eimer, entfernt Kerngehäuse, Druckstellen und Würmer und kocht Apfelmus. Obwohl immer noch „gute“ Äpfel an den Bäumen hängen.

Apfelmus Fallobst

Apfelmus Gläser

Bekloppt, sagen Sie? Für mich hat das auch etwas mit Respekt zu tun, mit dem Würdigen dessen, was die Natur uns gibt. Allerdings bin ich mir auch bewusst, dass Horten und Sammeln und dieses „Das-kann-man-doch-noch-gut-gebrauchen“ sich in problematischer Form verselbstständigen kann und dann zu einem Messie-Dasein führt. Kriegskinder und Kriegsenkel haben nicht nur gelernt, zu überleben und aus Wenigem etwas zu machen, sie tragen auch eine Schattenseite mit sich, die oft erst nach Jahren bewusst wird.

Ich freu mich jedenfalls auf Apfelmus mit Zimtgeschmack im Joghurt morgen.

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15. Oktober 2013 at 20:29


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