Gut vernetzte Bürger

4. Mai 2016 at 13:39

Das hätte ich mir ja nicht träumen lassen, dass ich auf meine alten Tage noch mal zu einer Demonstration gehe. Wenn ich mich richtig erinnere, war ich zum letzten Mal für eine Demo auf der Straße, als es um den Vietnam-Krieg ging. Da war ich noch eine engagierte und manchmal rebellische Studentin.

Aber was jetzt mit der Planung der neuen Trasse für die B 65 entlang des Kurortes Bad Essen lief, sowohl die Inhalte wie die nicht vorhandene Information, das konnte ich nicht kommentarlos hinnehmen. (Mehr zu dem Thema in meinem vorigen Blogartikel.Klick) Genauso ging es vielen anderen. Nachdem sie erst am Freitag erfuhren, dass sie nur bis Montag Zeit für eine Stellungnahme hätten, gab es in den betroffenen Dörfern spontan organisierte Treffen, der Maifeiertag sorgte dafür, dass sich sowieso viele Menschen beim Aufstellen des Maibaums trafen, und es wurde beschlossen, aktiv zu werden:

Beim Besuch des Landrates, der für Montag, 2. Mai, anstand, sollte vor dem Rathaus demonstriert werden.

Und es war unglaublich: Selbst mit dieser kurzen Vorbereitungszeit gelang es den Organisatoren im Hintergrund

  • eine Demo offiziell anzumelden und genehmigt zu bekommen
  • die Polizei für die Regelung des Verkehrs im Rücken zu haben
  • selbst organisierte Ordner zu gewinnen, die alles in gute Bahnen lenkten und dafür sorgten, dass die Demo friedlich und ziviliert verlief
  • aus jedem betroffenen Dorf einen Sprecher zu gewinnen und ein Gespräch mit dem Bürgermeister und dem Landrat zu organisieren
  • Spruchbänder und Plakate zu malen
  • einen eindrucksvollen Trecker-Korso der betroffenen Landwirte zusammenzustellen
  • durch die gute Vernetzung in persönlichen Gesprächen, per Whatsapp, Email und Facebook einen großen Teil von Menschen zu erreichen, die bereit waren, sich zu engagieren.

Und so kam eine Demo zustande, die in ihrer Größe und auch in ihrem friedlichen Vorgehen beispielhaft war. Von Schülern über junge Eltern mit Kleinkindern, von Landwirten und anderen „Einheimischen“ über Zugezogene, die Bad Essen längst als ihre Heimat betrachten, war alles vertreten – auch in durchaus verschiedenen politischen Orientierungen. Aber in diesem Punkt waren sich alle einig: Wir lassen unsere herrliche Landschaft nicht kaputtmachen, und wir lassen uns auch nicht als unmündige Bürger behandeln, denen wichtige Entscheidungen nicht mitgeteilt werden.

Ganz wunderbar zog auch unsere Lokalzeitung, das Wittlager Kreisblatt/ Neue Osnabrücker Zeitung mit: Schon am Montagabend war ein erster Artikel online zu lesen (klick), und heute Mittag folgte ein zweiter, der ausführlicher inhaltlich auf die Thematik einging (Klick). Und heute erschien dieser Artikel auch in der gedruckten Ausgabe.

In den informellen Gesprächen in der Wartezeit, bis die Delegation nach dem Gespräch mit den Politikern wieder nach draußen kam, wurde auch über das wichtige Thema gesprochen, dass die Bad Essener Dörfer nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Wehrendorf und Rabber sind in ihren Ortsdurchfahrten schon lange überlastet und warten zu Recht auf eine Umgehung, ebenso wie viele Bohmter. Aber viele waren sich gestern darüber einig, dass die in Berlin angedachte Lösung mit einer überregionalen Schnellstraße nur noch mehr Verkehr und Lärmbelastung bringen würde. (Man sehe sich die Pläne – Link etwas weiter unten – genauer an. Die Trasse wäre an manchen Stellen sehr hoch, und Bahnlinien sowie Kanal müssen gequert werden).

Hier sind regionale Lösungen notwendig, die die betroffene Bevölkerung entlasten, ohne einen Kahlschlag und Existenzgefährdung für Landwirte in anderen Orten zu bringen.

Liebe Politiker, da wartet noch viel Arbeit auf Euch, nachdem Ihr jahrelang die Hausaufgaben auf morgen oder übermorgen und den schwarzen Peter des LKW-Verkehrs hin und her geschoben habt. Die Bevölkerung will sich jedenfalls nicht auseinander dividieren lassen, das war gestern mein Eindruck.

Die Bevölkerung will aber informiert werden.

Die Gemeinde hat jetzt schnell reagiert und für Mittwoch 18.Mai um 18 Uhr in der Aula der Grundschule Bad Essen eine öffentliche Sitzung anberaumt. Hier ein Ausschnitt aus der Website der Gemeinde:

öffenliche AusschussitzungFür die Bürgerinnen und Bürger wird auch Gelegenheit zur Diskussion sein.

Bitte bereitet Euch also gründlich vor.

Sehen Sie sich unbedingt diesen detaillierten Plan an (kann man sehr vergrößern) – wer da noch an eine vorläufige Skizze glaubt, ist naiv. Insbesondere die Wehrendorfer können sich wundern.

Sie können nur verlieren, wenn dieser Plan realisiert wird. Wie gesagt, Straße und Eisenbahn nach Bohmte müssen überquert werden, die Schnellstraße wird sowieso schön hoch liegen (der Aushub vom Stirper Hafen ist da ja recht praktisch). Und die Lärmbelastung wird nur noch zunehmen statt weniger werden, da Schnellstraßen ja üblicherweise nicht mit 50 km Geschwindigkeitsbegrenzung versehen sind. Der überregionale Verkehr wird immens zunehmen, da es ja fein druchgeht bis nach Minden und zur A 2.

Das ganze Projekt, das etwas augenwischerisch „Ortsumgehung Wehrendorf heißt“ heißt nämlich in Wirklichkeit:

Zubringer zur Autobahn

B 65 Stirpe-Ölingen (B 51) – Bad Nenndorf (A2)

Das heißt also, statt eine Ortsumgehung mit Verkehrsberuhigung zu bekommen, wird Wehrendorf an einer Haupt-Zubringerstrecke zur Autobahn 2 liegen. Das kann kein Wehrendorfer ernsthaft wollen (außer er ist irgendwie am Hafen beteiligt 😉 ).

Und der Verkehr zum Wehrendorfer Industriegebiet und Argelith muss ja auch irgendwie durch Wehrendorf kommen und bleibt auf der jetzigen B 65. Wenn ich den Plan richtig verstehe, wird dann im Kreuzungsbereich B51 / neue Trasse der Zubringer zur bisherigen B 65 liegen. Das freut die geplagten Wehrendorfer wohl kaum.

Auch Agro und die anderen Firmen behalten ja ihren Lieferverkehr.

Ob Rabber durch die neue Trasse wirklich beruhigt wird, ist anzuzweifeln. Im dortigen Trassenverlauf ist ein Zeichen für extremen Lärm zu sehen. Auch Wimmer liegt im Einzugsbereich der Trasse. Wie die Zufahrt zu Kesseböhmer, Hamker etc. läuft, kann ich nicht genau erkennen- es wird wohl entweder Zubringer geben, die von der Trasse über die Dörfer abzweigen, oder der LKW-Verkehr wird seinen bisherigen Weg im Nahgebiet um die Werke suchen. Im Zeitalter der Navis ist auch davon auszugehen, dass weiterhin gern die direkte Strecke eingegeben wird, und dann haben ALLE Dörfer die zweifelhaft Freude, als Abkürzungen zur Schnellstraße genutzt zu werden.

Wer sich noch weiter in Details vertiefen möchte, findet hier noch reichliche Informationen zu den Risiken im Nahbereich. Bitte anklicken, es öffnet sich ein Link mit 5 Seiten pdf-Datei zum Ausrucken.

Ist es nicht beruhigend, wenn da schon gleich am Anfang von Lärm-Immissionen,Verlust/Beeinträchtigung von Erholungsstrukturelementen, Lebensraumverlulst für Tiere und Pflanzen etc. die Rede ist?

Und noch ein Wort an unsere Politiker: Wenn Sie behaupten, nichts von alledem gewusst zu haben, dann fühlen wir uns von Ihnen entweder schlecht vertreten oder – wie es in einigen Gesprächen hieß: belogen. Auf dieser Seite des Bundesministeriums ist schon mal recht gut zu erkennen, wie lange die Planungsprozesse schon laufen.(Klick)

Davon wollen Sie nichts gewusst haben?

Wie erklären Sie uns, dass beipielsweise im Internet diese Zeichnung mit Planungs-Datum 25.04.2014 zu finden ist, Sie aber jetzt mehr als zwei Jahre später angeblich selbst so überrascht sind?

2014 schon bekannt

Aus welchem Grund auch immer wir Bürger nicht informiert wurden: Die Demo hat gezeigt, dass mit uns zu rechnen ist. Und ich wünsche mir sehr, dass auch die Wehrendorfer und Rabberaner mitmachen und dass für die letzteren regionale Lösungen gesucht werden.

Klarstellen möchte ich aber, dass ich mit dieser Kritik nicht alle Gemeindepolitiker meine: Etliche ehrenamtlich tätige Ortsräte und Gemeinderäte haben sehr glaubhaft versichert, von einer solchen Trassenführung und den nicht mitgeteilten Fristen für eine Stellungnahme genauso überrollt worden zu sein wie die Bürger.

Bitte lasst Euch in den einzelnen Dörfern nicht gegeneinander ausspielen.

Und liebe Politiker, denkt daran, wir sind wachgerüttelt und wir behalten Euch im Auge.

Jetzt noch einige Fotos von der beeindruckenden Demonstration. Danke an alle, die so wunderbar und engagiert organisiert haben und an alle, die kamen.

20160502_175526 (Medium)

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Ach ja, und eh es vergesse:

Das Umwelbundesamt verteilt Schelte an Herrn Dobrindt für den Bundeswegeplan, zu dem dieses Projekt gehört: schlechte Klimabilanz und der hohe Flächenbedarf durch den Straßenbau. Hier ein Zeitungsbericht dazu (Klick)

Das folgende Foto ist nur eines von vielen Beispielen, welche Landschaften hier zerstört werden würden. Die Trasse würde hinter Brockhausen beispielsweise ungefähr bei dem Rapsfeld verlaufen. Dass dann rechts ein Wohnhaus steht, stört die Trasse nicht, Wohnhäuser kann man ja abreissen!

Straßenverlauf in Kulturlandschaft

 

 

 

 

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Schnellstraße, Cittaslow und Terra Vita Vom Abriss bedroht


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