Mit den Toten sprechen

5. November 2016 at 07:00

Diesen Blogartikel habe ich für die Blogaktion von Petra Schuseil verfasst, die Blogger(innen) eingeladen hat, im Monat November über ihren Umgang mit dem Gedenken an Verstorbene zu schreiben. Sie finden im Blog „Totenhemdnoch viele weitere Artikel zu diesem Thema.

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Heute vor 12 Jahren wurde mein Vater beerdigt. Er starb an Allerseelen, einem Tag, an dem wir immer schon an die Verstorbenen dachten. Unsere Familie war in den letzten Wochen vor seinem Tod eng zusammengerückt, und wir konnten ihm ermöglichen, zu Hause zu sterben.
Wir hatten in den Monaten vor seinem Tod viel miteinander gesprochen, waren uns alle sehr nah – und plötzlich war er fort. Ich wollte ihn doch noch so viel fragen! Und ich wollte vor allem wissen, wie es ihm geht. Er war so lange sehr krank gewesen, hatte die Tage liegend in seinem Fernsehsessel verbracht. In dieser Haltung hatte er die wenigsten Schmerzen.
Er war vor der Beerdigung im offenen Sarg in der Friedhofskapelle aufgebahrt. Wir hatten den Schlüssel, und so konnte jeder von uns sich ausführlich von ihm verabschieden. Ich sprach mit ihm, berührte ihn liebevoll und verabschiedete mich von ihm. Sein Tod war eine Erlösung nach langem Leiden gewesen, uns doch vermissten wir ihn alle sehr.

Ich sprach in den ersten Tagen innerlich viel mit ihm, und dann erinnerte ich mich an eine Übung, die ich in meinem Buch über das  Tagebuchschreiben vorgestellt hatte:

„Der innere Dialog“.

Man schreibt dabei Fragen an einen Menschen, an ein Thema, an ein Problem, an eine Krankheit etc. auf und entwickelt im Dialog beim Schreiben auch die Antworten. Wenn man sich Zeit dabei lässt, kommen tatsächlich aus den Tiefen der eigenen Seele oder woher auch immer Antworten, die einen selbst überraschen können. Ich habe für diese Übung ein extra Notizheft, denn oft sind es Themen, die länger wirken.
In meiner Trauer um meinen Vater begann dann einen Dialog „mit ihm“. Klar wenden Skeptiker jetzt ein, das sei doch Quatsch, das würde ich alles selbst schreiben. Wer aber einmal Erfahrung mit Gestalttherapie oder mit Familienaufstellungen gemacht hat, versteht, dass da innere Prozesse in Gang kommen können, die über einen selbst hinausgehen. Auch Schriftsteller, die Romane schreiben, erleben manchmal ähnliches.
Für mich waren diese inneren „Gespräche“ sehr hilfreich und tröstlich. Ich habe solche Gespräche auch mit meinem Großvater geführt, der starb, als ich noch ein Kind war – zu früh, um ihn kritisch über seine Haltung im Dritten Reich zu befragen. In diesen langen inneren Dialogen wurde mir klar, unter welchem Druck er stand, seine neun Kinder zu ernähren, welche Kompromisse er eingehen musste, die ich früher einfach verurteilt hatte. Ich entwickelte so Jahrzehnte nach seinem Tod innerlich eine Beziehung vor ihm, empfand sogar Respekt.
In der katholischen Kirche werden an Gedenktagen „Messen gelesen“. Auch diese finde ich eine schöne Tradition, um den Verstorbenen einen Platz in der Gemeinschaft zu geben, zu der in ihren Lebzeiten gehörten. Eine Form der Ahnen-Verehrung, die in anderen Kulturen sogar noch stärker ihren Platz im Alltag hat. Sie brauchen ja nicht unbedingt einen Ahnen-Altar aufbauen, aber eine kleine Ecke mit Bildern ihrer lieben Verstorbenen tut vielleicht auch Ihrer Seele gut. Vielleicht sprechen Sie im Vorbeigehen auch fast automatisch ein paar Sätze mit Ihren Lieben. Und auch, wenn Sie es albern finden: Probieren Sie doch mal in Ihrem Tagebuch, mit einem lieben Menschen, der Ihnen nahe stand, einen inneren Dialog zu führen. (Sie können ja dann immer noch sagen, dass das nichts für Sie ist).
Natürlich sollte man bei solchen Dialogen, egal, ob gesprochen oder geschrieben, mit „beiden Beinen auf der Erde bleiben“. Das, was man innerlich dabei erlebt, nicht eins zu eins für wahr halten, sondern kritisch überprüfen, ob es wirklich als Anregung für das eigene Leben Bedeutung habe kann. Sich nicht hineinsteigern oder womöglich in einem Wahn verlieren, sondern nach solchen Übungen wieder den normalen Alltag aufnehmen und sich wieder erden. „Mit dem Kopf in den Wolken, und mit den Beinen auf der Erde“, das ist eine gute Devise für den Umgang mit unseren Verstorbenen.

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